Archiv für den Monat: Juni 2018

Umgang mit negativen Gefühlen – Mein Weg aus der Krise

Ich bin Erzieherin in einer stationären Kriseneinrichtung und betreue dort Kinder im Alter zwischen 6 und 10 Jahren. Die Kinder sind meist schwer traumatisiert und verhaltensauffällig. Die Arbeit mit den Kindern macht mir viel Spaß, bringt mich aber auch manchmal an meine Grenzen. Um neue Impulse zu bekommen und mich persönlich weiterzuentwickeln habe ich  an der Weiterbildung ,,Schulfach Glück“ teilgenommen. Kurz vor Ende des Kurses bin ich in eine tiefe Krise gerutscht, die sich zu einer Depression entwickelte. Die Ursache lag z. T. an den schwierigen Arbeitsbedingungen, in denen ich mich häufig überfordert fühlte. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Ich dachte, ,,Ich weiß doch jetzt wie das geht mit dem Glück, ich habe es doch gelernt”.

Mit der Zeit hatte ich nur noch Angst und Schuldgefühle, so dass ich nichts mehr auf die Reihe bekam. Ansonsten fühlte ich gar nichts mehr. Ich war vollkommen handlungs- und entscheidungsunfähig. Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl waren verschwunden. Erschwerend kam noch hinzu, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Den Kurs konnte ich nicht beenden. Auch alle anderen Dinge, die mir bis dahin viel Freude bereitet hatten, wie Sport,  Gitarre spielen oder in der Natur sein, machten mir keinen Spaß. Ich hatte keine Lebensfreude und keine Zuversicht mehr. Mir kam alles sinnlos vor.
Zu allem Anderen machte ich mir auch noch ständig Gedanken, dass ich mich bei meinen Kollegen/innen überhaupt nicht mehr blicken lassen brauche. Auch wenn sie mir versicherten, dass sie Verständnis für meine Situation haben, dachte ich, ,,Sie sind sicher sehr wütend auf mich, weil ich solange ausfalle”. Kurz und gut, in meinem Kopf waren nur noch negative Gedanken. Ich konnte das schwer akzeptieren. Ich war doch immer ein so zufriedener, positiver Mensch.

Meine Familie und meine Freunde versuchten für mich da zu sein und mir zu helfen. Obwohl ich während dieser Zeit nicht gerade nett zu ihnen war und niemanden sehen wollte. Sie gaben aber nicht auf, bedrängten mich immer wieder mir ärztliche Hilfe zu suchen.
Nach einer langen Odyssee hatte ich endlich einen guten Arzt und einen guten Therapeuten gefunden. Diese erklärten mir, dass Depression eine Krankheit ist, bei der bestimmte Botenstoffe im Gehirn nicht mehr ausgeschüttet werden und dass ich dafür für nichts kann.

Die Ängste und die Gefühllosigkeit sind typische Symptome dieser Erkrankung. Damit ich erstmal aus dem ganz tiefen Loch herauskam und wieder schlafen konnte wurde ich medikamentös eingestellt. Arzt und Therapeut machten mir aber auch klar, dass ich selbst etwas tun muss, um die Depression zu überwinden. Das leuchtete mir ja auch ein, aber irgendwie ging gar nichts mehr.

 

Um es mit der Metapher vom Reiter und Elefanten auszudrücken, der Reiter wollte los, der Elefant blieb liegen und war nicht zu bewegen aufzustehen. Durch das, was ich im Glückskurs gelernt hatte, wusste ich, dass jetzt der Reiter gefordert war, den Elefanten zu überzeugen, endlich wieder in die Gänge zu kommen. Also setzte ich mir ein smartes Ziel. Morgen gehe ich ins Fitnessstudio. Der Reiter packte die Sporttasche. Aber der Elefant dachte ,,nö” und wir legten uns wieder hin.

Doch der Reiter gab nicht auf. Irgendwann ließ sich der Elefant überzeugen. Wir könnten es ja mal versuchen, probehalber. Danach stellten wir fest, dass es uns irgendwie besser ging. Okay, dann können wir ja nochmal gehen. Nach und nach ging es immer leichter und fing sogar an, wieder Spaß zu machen.

 

Die Produktion der Botenstoffe in meinem Gehirn wurde wieder angekurbelt.
Jetzt ging es langsam aber stetig aufwärts. Eines Abends nahm ich meine Gitarre wieder zur Hand und merkte, dass ich nichts verlernt hatte. Alles war noch da. Das gab mir erneuten Auftrieb und ich ging, das Erste Mal seit langer Zeit, wieder zum Gitarrenunterricht. Dann setzte ich mir jeden Tag neue kleine Ziele. Und wenn diese Ziele doch noch zu groß waren, machte ich sie kleiner, sodass ich sie erreichen konnte. Mit der Zeit gewann ich meine Kraft und mein Selbstvertrauen wieder zurück. Das Schönste war, dass meine Gefühle wiederkamen, ich wieder Gänsehaut bekam, wenn ich Musik hörte, dass ich wieder Liebe und Mitgefühl empfand. Elefant und Reiter waren wieder im Einklang.

Durch die Krankheit habe ich nochmal eine andere Sicht auf die Dinge bekommen. Es gelingt mir heute besser im Hier und Jetzt zu leben und dankbar für die Dinge zu sein, die ich bereits erreicht habe. Hierbei hat mir auch all das sehr geholfen was ich im ,,Glückskurs” gelernt und erfahren habe. So z. B. ist mir noch einmal richtig bewusst geworden, wie wichtig positive Gefühle, Engagement, soziale Beziehungen und sinnvolle Ziele für ein glückliches und erfülltes Leben sind ( siehe PERMA Modell ).

Den Kurs konnte ich mittlerweile erfolgreich beenden. Ich bin jetzt zertifizierte ,,Glückslehrerin”.

Nachdem ich wieder vollkommen gesund war sind viele wunderbare Dinge passiert. U.a. hatte ich mir geschworen, wenn ich die Krise überwunden habe, will ich bewusster leben und meine Ziele hartnäckiger verfolgen.  Eins ist mir besonders klar geworden: Ich habe schon oft in meinem Leben tolle Menschen getroffen, zu denen ich Kontakt halten wollte. Leider ist mir das nie gelungen. Ein Ziel war es also dieses zu ändern. Im ,,Glückskurs” habe ich viele interessante Menschen  kennengelernt, zu denen ich nun regelmäßig und mit viel Freude Kontakt halte.

Die Bedenken und Ängste, die ich bezüglich meiner Kollegen/innen hatte, lösten sich in Luft auf. Ich wurde sehr herzlich von ihnen empfangen. Auch die Arbeit mit den Kindern macht mir wieder viel Freude. Mein Umgang mit den Kindern hat sich nach und nach verändert. Einfach dadurch dass mein Fokus jetzt mehr auf deren Fähigkeiten und Stärken ausgerichtet ist. So gelingt es mir meist schneller eine gute Beziehung aufzubauen. Die Kinder reagieren jetzt ganz anders auf mich. Sie sind viel offener und zugänglicher. Die Situationen in denen ich oft hilflos war kann ich jetzt viel besser händeln und wenn ich doch mal an meine Grenzen komme hole ich mir Hilfe.

Einige Methoden aus dem Kurs wende ich regelmäßig an, was den Kindern und mir viel Spaß bereitet. Es ist für mich wirklich schön zu beobachten, wie diese Kinder die bereits so viel Negatives in ihrem Leben erfahren haben, für einige Momente aufblühen und einfach nur glücklich sind.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich gestärkt aus dieser Krise herausgekommen bin und   dankbar bin für diese Erfahrung. Sie hat mir noch einmal verdeutlicht  wie wichtig die kleinen Dinge im Leben sind. Durch die vielen positiven Erlebnisse im ,,Glückskurs” bin ich offener und mutiger geworden, was mir natürlich sehr hilft meine Ziele zu erreichen.

Glücksmomente kann ich viel besser wahrnehmen und genießen. Denn Glück, dass weiß ich jetzt, kann man lernen.

Lydia

 

Bilder: alle Bildrechte dieses Beitrags gehören Lydia

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Glück und Depression – zwei Spiegelgeschwister

Kürzlich war ich zu einer tollen Veranstaltung eingeladen zum Thema „Depression und Borderline“ – mit einem Vortrag zum „Glück“. Meine erste Reaktion: Hä? Meine zweite Reaktion: Ja, prima. Die Veranstaltung war spannend und sehr lehrreich. Vor allem die Erfahrungsberichte von Schülerinnen, die es aus der Depression geschafft haben oder gelernt haben, mit Borderline umzugehen. Es spendet Hoffnung, zu hören, wie man aus kompletter Niedergeschlagenheit, Verheimlichung, Selbstmordgedanken wieder zu einem lebenswerten Leben findet. Und es wird klar, dass Depression und Glück Spiegel-Geschwister sind.

Die Veranstaltung

Das LNK veranstaltete Anfang Juni 2018 eine Schüler-Konferenz in dem sehr schönen Kurpfalz-Theater in Bad Oeyenhausen. Das Haus ist verspielt, barock und traumhaft. Es waren etwa 300 Schüler ab Klasse 10 anwesend. Nach der sympathischen Anmoderation von Stefan Leiwen hörten wir einen informativen Vortrag „Vom Ende der Finsternis“ von Chefarzt Dr. Konkol über Depression. Mir ist wieder klar geworden, wie gut wir über Depression Bescheid wissen und doch in vielen Fällen erst zu spät helfen können. Und es wurde deutlich, wie nah sich die Themen Depression und Glück sind – quasi wie Spiegelbilder.

Danke auch an die Akademie des Glücks, das grandiose Team von GetPeople e.K. und die Sponsoren wie die Barmer.

Die Spiegel-Geschwister

Dr. Konkol zeigte ein eindrückliches Bild für Depression. Wir sahen Grau und Schwarz. Ein tiefes Loch im Boden. Auf dem Grund des Lochs eine kleine in sich gesunkene Gestalt ohne Hoffnung auf Entkommen. Sie fühlt sich allein – unabhängig davon, wie viele Menschen außerhalb des Lochs stehen.

Was ist das Spiegelbild eines grauen Lochs, in dem eine versunkene Gestalt kauert? Ja, ein farbiger Berg, auf dessen Gipfel eine Gruppe Reisender steht und den Erfolg feiert. In ein Loch fällt man <-> einen Berg erklimmt man. Im Loch sehe ich nur Loch <-> auf dem Gipfel sehe ich alles andere um mich herum.

Die Spiegel-Geschwister sind sich allerdings auch sehr ähnlich, und zwar in der Art und Weise, wie sie funktionieren. Die Mechanismen sind sehr komplex und können hier nicht ausreichend dargestellt werden. Aus meiner Sicht als Nichtmediziner sind für beide Geschwister einfach gesagt überwiegend die gleichen Gene, Hormone und Auslöser beteiligt. Zur weiteren Lektüre empfehle ich Esch (2012), Neurobiologie des Glücks.

Die verhaltenstherapeutische Behandlung von Depression ähnelt in den Themen und der Vorgehensweise an Glückstraining – beides zielt auf die Steigerung von Glücksmomenten und Lebenszufriedenheit und den besseren Umgang mit negativen Gefühlen. Beispiele dafür sind die Unterbrechung negativer Gedankenschleifen, Wahrnehmung positiver Lebensaspekte, Entspannungs- und Aktivierungsmethoden oder Umgang mit negativen Gefühlen.

Der Startpunkt unterscheidet sich naturgemäß: Bei Depressionstherapie geht es auf der Glücksskala von -5 in Richtung Plus. Beim Glückstraining von +2 auf +5.

Zu glücklich?

Allerdings gibt es auch ein „zu viel Glück“. Es gibt Menschen, deren soziale Beziehungen, Arbeitsleistung und Gesundheit negativ durch zu viele Glücksmomente beeinflusst werden. Das kann z.B. durch Drogen wie Ecstasy oder durch Erkrankungen wie z.B. Manie ausgelöst werden. Es gibt von allem auch ein „zu viel“. Allerdings denke ich, dass die überwiegende Mehrheit von uns sich da keine Sorgen machen muss 😉

Was heißt die Gemeinsamkeit von Depression und Glück für uns?

Interventionen für mehr Glück machen uns gleichzeitig widerstandsfähiger gegen Depression. Es ist absolut notwendig, darauf bereits im Schüleralter zu achten und Programme zu fördern, die Glück stärken – wie z.B. das „Schulfach Glück“ oder Glückstrainings für Erwachsene.

Glück ist nicht nur zum Spaß da! Es hat präventive und therapeutische Wirkung.
Auf zu mehr Glück!

Glückliche Grüße
Dominik

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3 Fragen | 100 Tage … eine Idee, wie man sein persönliches Glücksempfinden steigern kann.

Es ist nicht einfach nur „Glück“ im Sinne von „Zufall“, ob und wie glücklich wir uns fühlen. Jeder von uns kann eine ganze Menge beitragen, sich selbst glücklicher zu machen. Zugegeben, manchen Menschen fällt das sehr leicht und andere tun sich etwas schwerer damit.

Natürlich haben auch die äußeren Umstände einen Einfluss auf unser Glücksempfinden, aber der ist lange nicht so groß wie wir oft glauben. Wie wir aus der Geschichte wissen, hat es immer wieder herausragende Persönlichkeiten gegeben, die auch unter den widrigsten Umständen ihre Lebensfreude nicht verloren haben. Und die gibt es auch heute immer wieder. Ich denke dabei an Sportler, die trotz schwierigster Verletzungen weiter trainieren, an Menschen aus Kriegsgebieten, die trotz Verfolgung und traumatischer Erlebnisse ihr Lachen nicht verlieren. Ich denke an Kinder, die in problematischen Familienverhältnissen aufwachsen und trotzdem ihren Weg in ein glückliches Leben finden. Ich denke an Menschen mit einer Behinderung, die ihren Alltag mit viel Optimismus und Freude meistern.

Wir haben alle unterschiedliche Ausgangspositionen und Voraussetzungen, aber dennoch haben wir jederzeit die Möglichkeit, uns auf den Weg zu machen. Mit einfachen Schritten können wir täglich dazu beitragen, unsere Weltsicht positiver zu gestalten. Wenn wir bewusst unseren Fokus auf die guten Dinge lenken – und von denen gibt es sehr viele! – dann wird langfristig die Welt um uns herum positiver. Man nennt das auch das „Gesetz der Anziehung“; je mehr der einzelne es schafft, seine Handlungen, Worte und Gedanken in eine positive Richtung zu lenken, umso mehr erfreuliche Dinge werden auf ihn zukommen.

Es nützt in diesem Fall nichts, unseren Kindern, Ehepartnern und Eltern zu raten, ihre Einstellung zu überdenken. Wir können nur bei uns selbst anfangen! Aber alle, die mit uns leben, werden mit Sicherheit die Veränderung wahrnehmen und dadurch angesteckt werden.

Wie geht das jetzt konkret – Handlungen, Worte und Taten?

Ja, ich kann bewusst etwas Gutes tun, mir selbst eine Freude machen oder andere mit meinen Taten erfreuen.

Bei den Worten wird es schon schwieriger – wie viel Jammern, Kritik und negative Aussagen stecken in jeder Unterhaltung, die wir mit unseren Mitmenschen führen?

Besonders schwierig wird es allerdings, wenn es darum geht, unsere Gedanken zu verändern. Wir haben ja oft das Gefühl, dass wir ihnen hilflos ausgeliefert sind. Aber das stimmt so nicht. Auch unsere Gedanken können wir mit ein bisschen Übung steuern und verändern. Zum Beispiel, indem wir immer dann, wenn wir einen negativen Kreislauf wahrnehmen, „Stop“ denken und ganz bewusst durch positive Gedanken ersetzen.

3 Fragen

Dass das Ganze nicht einfach ist, ist mir bewusst. Ich kann aber nur aus eigener Erfahrung sagen, dass es die Mühe wert ist. Was mir auf dem Weg zu einer positiven Weltsicht – und ich bin wie Sie alle immer auf dem Weg – geholfen hat, ist regelmäßiges Schreiben. Durch das tägliche Aufschreiben von positiven Dingen lenken wir unser Bewusstsein auf diese Ereignisse, Erfolge oder einfach wunderschöne Kleinigkeiten. Aus der jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Schreiben haben sich für mich drei Fragen herauskristallisiert, die ich für besonders wichtig halte:

1 | Wofür bin ich dankbar? – Hier und jetzt

 Sonja Lyubomirksy[1] bezeichnet die Dankbarkeit als den „Königsweg zum Glück“. Sie hat in Untersuchungen mit Testpersonen herausgefunden, dass diejenigen Menschen, die täglich fünf Dinge notierten, für die sie dankbar waren, optimistischer und zufriedener mit ihrem Leben waren. In anderen Studien konnte sie auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen Dankbarkeit und körperlicher und geistiger Gesundheit nachweisen.

Im Buch „Zuhause“* erzählt Filippa:

 „Ein guter Freund von deinem Papa hat mich vor Jahren auf diese Idee gebracht. Er heißt Udo Überflieger, ist Pilot und kommt viel in der Welt herum. Er hat uns erzählt, dass er immer wieder Briefe an Menschen schreibt, um sich bei ihnen zu bedanken. Er schreibt zum Beispiel an eine hilfsbereite Verkäuferin, einen aufmerksamen Kellner oder einen freundlichen Taxifahrer.“ 

Flo hört gespannt zu. „Und was hat dieser Udo noch erzählt?“

„Er hat mir gesagt, dass man bei solchen Briefen nicht sparsam sein sollte mit Lob und Dankbarkeit, sondern ruhig sehr großzügig damit umgehen kann. Man soll sozusagen nicht einen hauchdünnen Pinsel, sondern einen richtig dicken Malerpinsel tief in den Lobtopf eintunken und ganz dick auftragen.“

Diese Dankbarkeit muss aber nicht an einen bestimmten Menschen gerichtet sein, sie kann auch allgemein formuliert werden. In meinem Glückstagebuch richte ich die Dankbarkeit gerne an das Leben an sich.

 2 | Was ist mir gut gelungen? – Blick in die Vergangenheit

Die Orientierung hin zu unseren Stärken und weg von den Schwächen ist ein wichtiger Schritt, um glücklicher zu werden. Viel zu oft denken wir viel zu lange darüber nach, was wir alles falsch gemacht haben. Dabei gibt es jeden Tag ganz sicher etwas, das uns richtig gut gelungen ist und worauf wir stolz sein können. Natürlich sind das nicht immer weltbewegende Ereignisse, aber auch die Anerkennung von ganz alltäglichen Herausforderungen ist enorm wichtig für unser Wohlbefinden.

Im Buch „Glück“*sagt Udo:

„Viele Menschen neigen dazu, vor allem ihre Fehler und Schwächen zu sehen, und vergessen dabei auf ihre Stärken. Sieh mal Fridolin an. Er ist ein Esel. Manche würden sagen, dass er faul und stur ist. Für mich aber ist er ein treuer Freund, gutmütig, geduldig, freundlich …“ (…) „Ich sehe seine guten Seiten und nicht seine Fehler. So mache ich es auch bei allen Menschen, die mir begegnen. Und was noch viel wichtiger ist …“

Flo sieht Udo erwartungsvoll an.

„So mache ich es auch bei mir selbst.“

„Warum ist das so wichtig?“, will Flo wissen.

„Weil wir viel zu oft an uns zweifeln und ständig versuchen, alles zu können und in allem gut zu sein – aber das geht nicht.“

Flo setzt sich nachdenklich auf eine kleine Holzbank. (…)

 „Erzähl mir mal von deinem letzten Zeugnis“, fordert Udo sie auf.

„Das hab ich doch schon. Ich hatte einen Dreier in Mathe, einen Zweier in Englisch und sonst lauter Einser“, sagt Flo.

„Siehst du, genau das meine ich“, erwidert Udo aufgeregt.

„Warum sagst du nicht zuerst: ‚Ich hatte einen Einser in Deutsch, einen Einser in Musik‘ und so weiter? Warum beginnst du mit der schlechtesten Note?“

Flo sieht Udo fragend an.

„Wir schauen immer viel zu sehr darauf, was wir nicht können, und zu wenig darauf, was wir gut können.“

„Das verstehe ich nicht“, meint Flo. „Es ist doch wichtig, das zu üben und zu verbessern, was man noch nicht kann.“

„Aber genauso wichtig ist es auch, das zu üben, was man schon gut kann – nur dann kann man zum Meister in einer Sache werden.“

Die regelmäßige, bewusste Auseinandersetzung mit Dingen, die uns gut gelungen sind, hilft uns dabei, unsere Stärken klarer zu sehen und sie auszubauen. Dadurch erhöht sich automatisch auch unser Glücksempfinden. In der Schule frage ich die Kinder jede Woche, was ihnen gut gelungen ist – am Anfang war das für manche Schüler gar nicht so einfach zu beantworten. Dann durften die Mitschüler ein bisschen mithelfen – es ist ja auch ganz angenehm, von anderen zu hören, was man gut gemacht hat. Nach einiger Zeit fiel es aber den Kindern immer leichter, auch selbst zu erzählen, was ihnen gelungen ist.

Niemand ist in allen Dingen gut. Das ist auch nicht nötig. Viel wichtiger ist es herauszufinden, auf welchem Gebiet wir zum Meister, zum Experten werden können.

3 | Was wünsche ich mir? – Blick in die Zukunft

Ein wesentlicher Faktor für unser Glücksempfinden ist es, Sinn oder Bedeutung zu spüren in dem, was wir tun. Dazu ist es ganz wichtig, Wünsche und Ziele zu formulieren.

Die dritte Frage ist so zu verstehen wie ein Brief ans Christkind. In unseren Wünschen müssen wir weder vernünftig noch bescheiden sein. Wünschen kann man sich alles, auch wenn es aus heutiger Sicht unerreichbar erscheint. Wir können uns sowieso nicht aussuchen, was wir uns wünschen; das steckt in uns drinnen. Die Frage fordert uns dazu auf, regelmäßig unsere Herzenswünsche zu formulieren und dadurch ins Bewusstsein rufen.

Im Buch „Zauberhafte Weihnachten“* erzählt Flo:

„Stell dir vor, diesmal hat sogar Mama einen Brief (ans Christkind) geschrieben“, sagt sie immer noch überrascht.

„Das ist schön“, freut sich Udo. „Ich glaube, dass es gerade für Erwachsene wichtig ist, ihre Wünsche immer wieder mal aufzuschreiben.“

Flo lacht.

„Genau das Gleiche hat Mama gesagt. Machst du das auch?“

„Ja, seit vielen Jahren schon“, antwortet Udo nachdenklich.

Flo sieht ihn fragend an und Udo beginnt zu erzählen: „Ich habe auf einer Reise einen sehr interessanten Mann kennengelernt, der hat mir sehr geholfen. Ich war damals mit meinem Leben unzufrieden und wusste selbst nicht genau, warum. Irgendetwas hat mich gestört und meistens habe ich anderen Menschen die Schuld daran gegeben. Der Mann hat mir geraten, mir jeden Tag eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, um einen Brief ans Christkind zu schreiben. Sechs Wochen lang!“

„Sechs Wochen lang jeden Tag einen Brief ans Christkind?“, wiederholt Flo ungläubig.

„Ja! Noch dazu mitten im Sommer“, lacht Udo.

„Und? Hast du es gemacht?“, will Flo wissen.

„Ja, natürlich“, erwidert Udo. „Ich war verrückt genug, dem Rat zu folgen, ohne großartig darüber nachzudenken. Ich habe mir ein schönes Schreibheft gekauft und jeden Morgen meine Wünsche aufgeschrieben. Bis das Heft vollgeschrieben war.“

„Und dann?“, kann es Flo nicht erwarten.

„Dann habe ich das Heft weggeräumt und lange nicht mehr daran gedacht. Erst viel später habe ich das Heft wieder zur Hand genommen und darin gelesen. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, was ich damals geschrieben hatte. Das Erstaunliche aber war, dass sich viele meiner Wünsche inzwischen erfüllt hatten. Es ging mir viel besser und ich war zufrieden mit meinem Leben.“

Flo hat gut zugehört und nimmt sich fest vor, niemals damit aufzuhören, Briefe ans Christkind zu schreiben.

   

Warum 100 Tage?

Es dauert eine Weile, bis sich unser Gehirn an bestimmte Abläufe gewöhnt. Deshalb ist es ganz entscheidend, dass man über einen längeren Zeitraum möglichst regelmäßig schreibt. 100 Tage sind für mich ein schönes Ziel.

Wie und in welcher Form man die 3 Fragen beantwortet, ist ganz individuell – es kann ein einfacher Schreibblock oder ein edles Notizbuch sein. Für alle, die sich mit einer vorgegebenen Struktur leichter tun, gibt es das „Glückstagebuch“[2], in dem nach einer kurzen Einleitung die Tage und die Fragen schon vorformuliert sind. Es geht nicht darum, besonders viel oder originell zu schreiben, es geht darum, sich Zeit zu nehmen, um die Fokussierung auf das Positive und um Beharrlichkeit. Das sind sehr wertvolle Begleiter auf dem Weg zu mehr Lebensglück.

 

 

 

* aus der Reihe „Flo W. voll im Flow“, Manuela Eitler-Sedlak, erhältlich im Buchhandel

     

[1] Sonja Lyubomirsky ist Professorin für Psychologie und erforscht schon seit mehr als 20 Jahren wie Menschen ihr Glücksniveau steigern können.

[2] Das Glückstagebuch kann bestellt werden unter: www.meise-flow.at/shop

 

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